Die Basler Pharmaindustrie ist ein wirtschaftliches Aushängeschild der Schweiz. Roche und Novartis beschäftigen zusammen über 50’000 Menschen in der Region, viele davon in hochspezialisierten Funktionen, die kaum direkte Entsprechungen ausserhalb der Branche haben. Doch was passiert, wenn jemand aus dieser Blase ausbrechen möchte?

Als Karriere-Coach in Bern sehe ich regelmäßig Klienten aus dem Basler Pharmamileau, die einen Neuanfang suchen. Die Herausforderung ist dabei oft nicht die fachliche Kompetenz — die ist meist exzellent — sondern die Fähigkeit, diese Kompetenz in einer neuen Sprache zu formulieren.

Die Pharmablase und ihre mentalen Mauern

“Ich habe fünfzehn Jahre in der Pharma gearbeitet und kann nicht einmal sagen, was ich eigentlich kann. Alles, was ich gemacht habe, heisst bei uns anders.” — Ein Klient aus Basel, 42, vor seinem Coaching-Einstieg

Dieses Zitat beschreibt das zentrale Problem. In der Pharmaindustrie gibt es eine eigene Begriffswelt, eigene Prozesse, eine eigene Kultur der Qualitätssicherung und regulatorischen Dokumentation. Diese Spezialisierung ist wertvoll innerhalb der Branche, aber sie macht den Übergang in andere Sektoren schwierig. Ein Projektmanager in der Pharma-Entwicklung hat andere Kompetenzen als ein Projektmanager in einem Berner IT-Dienstleister — aber beide haben relevante Erfahrungen.

Drei typische Übergangsszenarien

Von der Pharma zum eigenen Coaching: Besonders bei Fachkräften aus der Qualitätskontrolle, der klinischen Forschung oder dem Regulatory Affairs beobachte ich den Wunsch, das erworbene Wissen nicht mehr für ein Unternehmen, sondern für eigene Klienten einzusetzen. Die regulatorische Expertise, die in der Pharma alltäglich ist, ist in der Beratungswelt für MedTech-Startups hoch gefragt. Der Übergang erfordert aber mehr als fachliches Wissen: Er erfordert Unternehmerdenken, Verkaufskompetenz und die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben.

Von der Pharma zum öffentlichen Sektor: Viele Quereinsteiger suchen explizit mehr Sicherheit und bessere Work-Life-Balance. Die kantonalen Verwaltungen in Basel-Stadt und Bern, aber auch Bundesämter in Bern, sind attraktive Arbeitgeber. Doch der Bewerbungsprozess im öffentlichen Sektor folgt anderen Regeln als die interne Beförderung bei Roche. Hier hilft ein strukturiertes Karriere-Coaching, die eigenen Stärken in die Sprache der öffentlichen Verwaltung zu übersetzen.

Von der Pharma zum Mittelstand: Der Schweizer Maschinenbau, die Food-Industrie, die Logistik — all diese Branchen suchen Qualitäts- und Prozessmanager. Die Erfahrung aus der Pharmaindustrie, wo Prozesse rigoros dokumentiert und validiert werden, ist hier direkt übertragbar. Oft scheitert es nur an der Übersetzung: Ein Klient, der in Basel “Process Validation” gemacht hat, muss in Bern lernen, dass “Optimierung der Produktionsabläufe” dasselbe meint.

Der Coaching-Prozess: Konkret und pragmatisch

Mein Ansatz in Bern ist nicht therapeutisch und nicht akademisch. Wir arbeiten in drei Phasen:

Phase 1 — Inventur: Was habe ich tatsächlich gemacht? Nicht die Jobtitel, sondern die Tätigkeiten. Wir listen konkrete Projekte auf, messbare Ergebnisse, Situationen, in denen etwas gelungen ist. Diese Phase dauert zwei bis drei Sitzungen und erfordert oft, dass Klienten ihre Arbeitswelt neu betrachten.

Phase 2 — Übersetzung: Die gefundenen Kompetenzen werden in die Sprache der Zielbranche übersetzt. Das bedeutet nichts anderes, als Lebenslauf und Motivationsschreiben neu zu schreiben — aber auf Grundlage einer fundierten Analyse, nicht aus dem Bauch heraus.

Phase 3 — Umsetzung: Konkrete Bewerbungen, Vorbereitung auf Interviews, Verhandlung von Arbeitsbedingungen. Hier begleite ich oft über mehrere Monate, besonders bei Klienten, die gleichzeitig noch in ihrem Pharma-Job arbeiten und den Übergang nebenher managen müssen.

Was ich aus zehn Jahren Coaching gelernt habe

Der erfolgreichste Quereinsteiger, den ich begleitet habe, war eine ehemalige Regulatory-Managerin aus Basel, die heute in einem Berner MedTech-Startup als Quality Lead arbeitet. Ihr Erfolg lag nicht in einem genialen Plan, sondern in der Bereitschaft, klein anzufangen: Sie nahm zunächst eine sechsmonatige Beraterposition an, bewies dort ihren Wert und wurde dann fest angestellt. Die grösste Hürde für Pharma-Quereinsteiger ist oft nicht die Arbeitswelt da draussen, sondern die eigene Erwartungshaltung.

Wer aus der Pharmaindustrie kommt, ist an strukturierte Karrierewege, klare Hierarchien und vorhersagbare Prozesse gewöhnt. Die Welt ausserhalb dieser Blase ist oft chaotischer, unübersichtlicher, persönlicher. Der Erfolg eines Übergangs hängt massgeblich davon ab, wie gut jemand mit dieser Unübersichtlichkeit umgehen kann — und das ist genau das, was ein professionelles Coaching adressieren kann.